Herbst der Entscheidung


Die Zukunft ist alles andere als gewiss. Plakat während der Demonstration in Berlin am 4. November 1989. Foto: Bundesarchiv/Thomas Lehmann (CC-BY-SA 3.0)
Die Zukunft ist alles andere als gewiss. Plakat während der Demonstration in Berlin am 4. November 1989. Foto: Bundesarchiv/Thomas Lehmann (CC-BY-SA 3.0)

In der öffentlichen Erinnerungskultur an „89/90“ waren lange Zeit bestimmte Ereignisse des politischen Umbruchs dominierend: die Ausreisewelle über die grüne Grenze, die Prager Botschaft, die Massendemonstrationen ab Oktober 1989 in vielen Städten der DDR und schließlich der Mauerfall im November. Die damit verbundenen Bilder wirkten nicht nur medial stilbildend, sondern sind vielfach eng verwoben mit einer bestimmten Erzählung vom Umbruch. Diese akzentuiert das massenhafte Aufbegehren gegen den autoritären Staat der DDR, eine glücklich erlangte Freiheit und den folgenden (teils als folgerichtigen, teils als zwangsläufig gedeuteten) Beitritt zur Bundesrepublik im Oktober 1990. 

 

Diese Bilder und Erzählungen bieten auch Stoff für vielfältige literarische (und grafische) Verarbeitungen, die vor allem die Herbstereignisse 1989 in den Blick nehmen. Dabei werden die zeitgeschichtlichen Ereignisse v.a. aus der individuellen Perspektiven der Protagonist*innen heraus erzählt und damit noch einmal anders, persönlicher erfahrbar. Neben der Euphorie werden in den Texten auch Schwierigkeiten und Konfliktlinien, lose Enden und bislang wenig beachtete Ereignisse innerhalb der Umbruchszeit sichtbar.


Erich Loest: Nikolaikirche

Linden-Verlag: Leipzig, 1995

 

Der Roman wurde noch im selben Jahr als Vorlage für einen zweiteiligen Fernsehfilm (R: Frank Beyer) verwendet, wobei Loest auch am Drehbuch mitwirkte. Eine zeitgenössische Besprechung von Buch und Film "Teuflische Idiotie" findet sich im Spiegel vom 15.10.1995.

 

Passt auch in die Kategorie Familiengeschichten.

»Vier Jahre lang habe ich mich bemüht, genau herauszufinden, was damals geschah. Ich habe alle Archive durchforstet, es gibt wahrscheinlich keine Zeile, die ich nicht gelesen habe. Ich habe mit vielen Leuten geredet, die dort eine Rolle gespielt haben, und meine, dass ich dort, wo politische Genauigkeit erforderlich ist, sie erreiche.« 

 

Erich Loest in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung vom 30.9.1995,

zit. nach Frank Thomas Grub: 'Wende' und 'Einheit' im Spiegel der deutschsprachigen Literatur, S. 408


Max Mönch & Alexander Lahl: Treibsand

Zeichnungen: Kitty Kahane

 

Walde und Graf: Berlin, 2014

 

Rezension "Die Didaktik der Groteske" auf literaturkritik.de

 

 

 

»Ein Staat, der auf Gefolgschaft beruht, auf Treue zur Partei, duldet keine moralische Konkurrenz. Vor allem die der Familie nicht. Die Loyalität zum Staat muss immer über der Loyalität zur Familie stehen.« 

Max Mönch / Alexander Lahl / Kitty Kahane: Treibsand, S. 107


Hanna Schott: Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte

Illustrationen: Gerda Raidt

 

Klett Kinderbuch: Leipzig, 2009

 

Der Verlagstext und eine Rezensionsnotiz bei Perlentaucher

 

Der Animationsfilm "Fritzi – Eine Wendewundergeschichte" (R: Ralf Kukula/Matthias Bruhn) von 2019 basiert auf Motiven des Buches.

 

Ein Interview mit Autorin und Illustratorin anlässlich der Filmveröffentlichung


T. Brussig: Helden wie wir, A. Platthaus: Freispiel, P. Richter: 89/90


Peter Wensierski: Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution

DVA: München, 2017

 

Rezension "Für ein offnes Land mit freien Menschen" auf literaturkritik.de

 

Motive des Buches dienten als Grundlage für eine gleichnamige Verfilmung (2021, R: Andy Fetscher), mehr Infos auf der Vorstellungsseite der ARD

»Gesine und Katti hielten das Transparent so hoch sie konnten und gingen langsam los [...], da stürzten sich durchtrainierte Stasi-Mitarbeiter einer besonderen Eingreifgruppe auf sie und gingen brutal gegen sie vor. [...] Am selben Abend konnte das ganze Land in den Nachrichtensendungen des Westfernsehens verfolgen, wie sich wütende Stasi-Leute auf die beiden jungen Frauen an der Spitze der demonstrierenden Menge stürzten und ihnen das Transparent brutal entrissen. Viele DDR-Bürger, die diese Bilder sahen, begriffen in diesem Augenblick vielleicht zum ersten Mal: Die Leute, die in Leipzig protestieren, sind wie du und ich. Der Staat hatte ihnen erzählt, in Leipzig, das seien alles nur Rowdys, Provokateure, Kriminelle. Aber was sie sahen, waren zwei junge Frauen mit einer Botschaft, die jeder unterschreiben konnte: Für ein offenes Land mit freien Menschen.«
Peter Wensierski: Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution, S. 388f.

Patrick Bauer: Der Traum ist aus.

Aber wir werden alles geben, dass er Wirklichkeit wird.

Rowohlt: Reinbek bei Hamburg, 2019
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Der Verlagstext und Rezensionsnotizen bei Perlentaucher
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Interview mit dem Autor über "Der Traum ist aus" beim NDR

Bernd Lindner & Peter M. Hoffmann: Herbst der Entscheidung.

Eine Geschichte aus der Friedlichen Revolution 1989

Ch. Links: Berlin, 2014

 

"Fast so, als wurde es damals aufgeschrieben, um Bild zu werden" – Autor, Zeichner und Lektorin im Gespräch über das Werk

Martin Jankowski: Rabet oder das Verschwinden einer Himmelsrichtung

Via-Verbis-Verlag: Scheidegg, 1999

 

Rezension im Kreuzer vom 9.4.2019

 

 

»An diesem Tag fanden die Wahlen statt, und als sie vorbei waren, hörte das Land, aus dem wir kamen, auf zu existieren. Von diesem Augenblick an begann es, wie ein morscher Baumstamm im Zeitraffer eines mecklenburgischen Dauerregens zu zerfallen. Und war ein paar Monate später verschwunden. Die Zahlen hatten entschieden.« 

 

Martin Jankowski: Rabet oder Das Verschwinden einer Himmelsrichtung, S. 244


Antony Johnston: The coldest City

Zeichnung: Sam Hart

Orig.-Ausg.: Oni Press: Portland, 2012

Dt.-Ausg.: Cross Cult: Ludwigsburg, 2017

 

Rezension "Kälter geht’s wirklich nicht"auf comic.de

 

Ingo Schulze: Adam und Evelyn

Berlin Verlag: Berlin, 2008

 

Der Verlagstext und Rezensionsnotizen bei Perlentaucher

 

Der Roman diente als Vorlage für den gleichnamigen Film (R: Andreas Goldstein) von 2019.


"89 goes Pop" ist Teil des BMBF-Verbundprojekt "Das umstrittene Erbe von 1989"

Weitere Informationen unter www.erbe89.de