Die 1990er Jahre – Verluste, Irritationen und Gewalt


Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen © mc005; CC BY-SA 3.0
Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen © mc005; CC BY-SA 3.0

In den Songs der 1990er-Jahre ist '89' vielfach eingebunden in die Kontrastierung eines Davor und Danach, mal melancholisch oder wütend, mal ironisch überspitzt. Es geht um Verlust und Abschied, um Desillusionierung und Enttäuschung. Die Songs stehen häufig im Gegensatz zu Mauerfalljubel und Einheitseuphorie. Zudem werden in den Songs nach den Übergriffen in Rostock, Hoyerswerda, Mölln oder Solingen Gewalt und Rechtsextremismus zu inhaltlichen Bezugspunkten. "Nach Hoyerswerda wollten wir nicht mehr schweigen", so Farin Urlaub von den Ärzten in einem Interview. "Schrei nach Liebe" wurde daher zum ersten Song, den die Band nach ihrer eigenen Wiedervereinigung 1993 veröffentlichte.

 

Die Songs der 1990er-Jahre stammen von ost- und westdeutschen Musiker*innen und Musikern. Häufig kommen sie ohne die unmittelbare Nennung von '89' aus. Sie sind gerade nicht historisierend, sondern grundlegend gegenwartsbezogen. Gemeinsam ist ihnen eine kritische Haltung zur Wiedervereinigung sowie die Furcht vor einer Re-Nationalisierung, die zeitgenössisch ihren Niederschlag u. a. in dem politischen Bündnis "Nie wieder Deutschland" fand.

 

Die Leer- oder Freiräume der großen Städte in der ehemaligen DDR wurden zudem zu einem Kristallisationspunkt der Techno- und House-Subkultur, die sich Anfang der 1990er-Jahre etablierte. In ihrem durchaus idealistischen (vielleicht auch idealisierten) hedonistischen Freiheits- und Gleichheitsempfinden war gerade auch diese Szene ein Kind der (Nach-)Wendezeit

 

Zum Weiterlesen:

30 Jahre Mauerfall. Diese Songs hätte es ohne die Wiedervereinigung so nicht gegeben. Musikexpress (2019).

Felix Denk/Sven von Tühlen: Der Klang der Familie. Berlin, Techno und die Wende, 2014.

[Single], Totenkopf

 

Stichworte:

Mauerfall, Ausreisewelle, Ost-West-Migration, Identität und kulturelle Differenz, Einheitsskepsis, Konsumkritik, Punkrock

Street, Mercury Records

 


Stichworte:
(Nach-)Wendezeit, Ausreisewelle, Ost-West-Migration, DDR, Konsumkritik, Ironie, Punk

Nina Hagen 1981 © Dirk Herbert; CC BY-SA 4.0
Nina Hagen 1981 © Dirk Herbert; CC BY-SA 4.0

Wir kriegen euch alle, Pirat Music

 

 

Stichworte:

Ende der DDR, deutsche Einheit, Verlusterzählung, Ambivalenzerzählung, Herkunft & Identität, Ironie, Punk

[Maxi], MZEE Records

Stichworte:
(post-)migrantische Perspektive, Herkunft & Identität, Rassismus, Asylpolitik, Wiedervereinigung, "Nie wieder Deutschland", Postnationalismus, Rap

[Single], T.O.T. Musik

Stichworte:

Neonazismus, rechtsextreme Gewalt, Fremdenfeindlichkeit in der 'alten' Bundesrepublik (Republikaner), Ironie, Volksmusik-Adaption/Punk


Marusha 2017 © Sven Mandel; CC BY-SA 4.0
Marusha 2017 © Sven Mandel; CC BY-SA 4.0

[Single], R & S Records

 

 

Stichworte:

(Nach-)Wendezeit, Song lief auf der ersten "Mayday"-Protestdemo (12/1991) gegen die Schließung von Jugendradio DT64, Techno

[Single], Tresor

 

Stichworte:

(Nach-)Wendezeit, Techno


Küssen verboten, Hansa Records/BMG

Stichworte:  (Nach-)Wendezeit, gesellschaftliche Verantwortung, Gewalterfahrungen, Ohnmacht, rechtsextreme Gewalt, Punk/Pop

 

Tipp: In seinem Podcast "Reflektor" diskutiert Jan Müller von Tocotronic mit dem Sänger der Prinzen Sebastian Krumbiegel über die 1990er Jahre und das Politische im Pop.

Die Prinzen 1992 © Krajazz; CC BY-SA 3.0
Die Prinzen 1992 © Krajazz; CC BY-SA 3.0

Die Bestie in Menschengestalt, Metronome

Stichworte:
Gewalt, Rechtsextremismus, Männlichkeitsrollen, Erklärungs- und Psychologisierungsdiskurse, Ironie, Aktualisierung 2015 ("Aktion Arschloch"), Punk

Du bist nicht mein Bruder, What's So Funny About

Stichworte:
Mauerfall, Ost-West-Migration, Einheitsskepsis, "Nie wieder Deutschland", Konsumkritik, kulturelle Unterschiede, (Noise-)Rock

Das bißchen Totschlag, Sub Up Records

Stichworte:
Gewalt, Normalisierung von Gewalt, Erklärungs- und Rechtfertigungsstrategien, "Flüchtlingskrise", Asylpolitik, bürgerliche Lebenswelten, Ironie, Punk


Reinhard Lakomy mit Partnerin (und Texterin auf "Die 6-Uhr-13-Bahn") Monika Erhardt und Tocher Hanni 1987, © Bundesarchiv, Bild 183-1987-0107-015 / CC-BY-SA 3.0
Reinhard Lakomy mit Partnerin (und Texterin auf "Die 6-Uhr-13-Bahn") Monika Erhardt und Tocher Hanni 1987, © Bundesarchiv, Bild 183-1987-0107-015 / CC-BY-SA 3.0

Die 6-Uhr-13-Bahn, Nebelhorn Musik

Stichworte:

(Nach-)Wendezeit, Opportunismus, Konformismus, Mitläufertum, „Wendehälse“, fehlende Selbstreflexion, Einheitsskepsis, Konsumkritik, Singer-Songwriter


[Single], Tribehaus Recordings

Stichworte:
Brandanschläge in Solingen/Mölln/Hoyerswerda/Rostock, Rechtsextremismus, rechte Gewalt, Wiedervereinigung, Ausländerhass, (struktureller) Rassismus, Asylpolitik, gesellschaftliche Verantwortung, "Nie wieder Deutschland", Rap 

Frühstück für immer, BuschFunk

 

 

Stichworte:
DDR, (Nach-)Wendezeit, Biographie, Heimat, Herkunft & Identität, Vertrautheits- und Verlusterzählung, Zukünfte, Liedermacher

Gerhard Gundermann 1989 © Bundesarchiv Bild 183-1989-1114-007/Weisflog Rainer; CC-BY-SA 3.0
Gerhard Gundermann 1989 © Bundesarchiv Bild 183-1989-1114-007/Weisflog Rainer; CC-BY-SA 3.0

Planet Punk, Metronome Records 

 

Stichworte:
(gesellschaftliche) Wende, Vergangenheit vs. Gegenwart, Phrasen von Zufriedenheit, Kritik Glücksimperativ/Nostalgie, Übertreibung, Ironie, Punk

Jetzt bist du in Talkshows, Popup-Records

 

Stichworte:
Erfahrungen mit 'dem Osten', Ost-West-Irritationen, kulturelle Unterschiede, Ironie, Pop


Atari Teenage Riot 2010 © Libertinus; CC BY-SA 2.0
Atari Teenage Riot 2010 © Libertinus; CC BY-SA 2.0

[Single], Grand Royal/The Future of War, Digital Hardcore Recordings

Stichworte:
Kapitalismuskritik, rechtsextreme Gewalt,"Nie wieder Deutschland", Digital Hardcore



"89 goes Pop" ist Teil des BMBF-Verbundprojekt "Das umstrittene Erbe von 1989"

Weitere Informationen unter www.erbe89.de